Mein perfektes Leben - Über Perfektionismus

Perfektionismus ist mittlerweile längst aus der Ecke der Tugenden gedrängt worden und weitgehend als lästige Angewohnheit, die dich ja doch bloß beim Erreichen deiner Zielen aufhält, bekannt.

Niemand ist schließlich perfekt. Titel wie “So erlangst du das perfekte ... “ oder ähnliches liest man seltener.

Bedeutet das, dass wir alle unsere Unperfektheit zelebrieren, uns unretuschiert im Internet präsentieren und die Angst vor Fehlern verlieren?



Vor wenigen Jahren hätte ich mich ganz klar als Perfektionistin bezeichnet. Jedes Foto musste perfekt retuschiert sein. Der Blog durfte keine Unstimmigkeiten aufweisen und bevor ich mich dann endlich selbstständig gemacht hatte, musste ich ja noch so viel lernen.

Perfektionismus hatte für mich viel mit Kreativität und in gewissem Maß mit meiner Arbeit zu tun - mehr aber nicht.

Diese Verhaltensweisen konnte ich jedoch mehr oder weniger ablegen. Denn wenn ich immer nur darauf hinarbeite und warte, bis etwas endlich perfekt ist, dann arbeite und warte ich ewig.

Zumal die meisten Menschen nicht im Ansatz so genau hinsehen, wie man es selbst tut. Das was ich als unperfekt, nicht im entferntesten gut genug, betrachte, sehen fast alle anderen als gut an. Und genau das habe ich mit der Zeit gelernt. Ich habe gelernt, meine Website zu veröffentlichen, auch wenn sie noch nicht zu 100% meinen Vorstellungen entsprach. Ich habe gelernt, dass meine Selbstständigkeit funktioniert, auch wenn ich nicht von Anfang an alles richtig mache und ganz genau weiß, wie alles funktioniert. Und damit fahre ich bislang gut.


Also bin ich keine Perfektionistin mehr? Ich fürchte gewissermaßen und sehr unfreiwillig bin ich es immer noch.

Seit einigen Monaten habe ich vor meinem inneren Auge diese Liste mit Dingen, die sich praktisch von alleine füllt. Dinge, die ich alle unter einen Hut bringen muss.

Einige Beispiele:

  • Erfolgreich bei der Arbeit sein, Geld verdienen, tolle Kunden haben.

  • Eine glückliche, erfüllte Partnerschaft führen.

  • Eine gute Freundin sein.

  • Die Wohnung immer aufgeräumt und sauber halten.

  • Jeden Tag frisch, gesund, lecker und bestenfalls vegan kochen.

  • Nachhaltig leben, nicht so viel Müll produzieren, nachhaltige Kleidung - nein besser keine Kleidung - kaufen.

  • Genug Bewegung in den Alltag integrieren - Workouts und Yoga machen, sowie regelmäßige Spaziergänge in der Natur.

  • Achtsamkeit praktizieren, z. B. durch regelmäßige Meditation.

  • Weiterbildung nicht vernachlässigen - lesen, Podcast hören…

  • Mehr erleben und von der Welt sehen (na gut, wenn nicht gerade Corona ist…).

  • Mich selbst verwirklichen, ein Leben nach meinen Vorstellungen erschaffen und einfach glücklich sein.


Und das ist erst der Anfang. Unnötig zu erwähnen, dass ich dem nur schwer gerecht werden kann. Mir kommen diese Punkte ja selbst total überzogen und unrealistisch vor.

Doch wo kommen sie eigentlich her? Worin besteht mein Problem, das ich sicherlich mit vielen anderen teile?


Natürlich könnte ich die Schaufel auspacken und wirklich tief graben. In gesellschaftlichen Vorstellungen und Rollenbildern, die schon seit Jahrhunderten fest in unseren Köpfen verankert sind.

So könnte sich möglicherweise das Bild der Frau von damals - die perfekte Hausfrau, Ehefrau und Mutter - gar nicht so sehr gewandelt haben. Man hat diesem Bild vielleicht einfach nur einen Haufen neuer Aspekte on top gepackt. Sie muss jetzt unabhängig sein, erfolgreich im Beruf, immer für Familie und Freunde erreichbar, und eben auch die perfekte Hausfrau, Ehefrau und Mutter.

Ich für meinen Teil muss aber gar nicht so tief graben, sondern einfach meine Social Media Apps öffnen. Da fallen mir sofort endlos viele Beiträge ins Auge, die mir das perfekte Leben auf dem Silbertablett präsentieren und gleich dazu die garantierte Erfolgsformel, um eben dieses Leben zu erreichen.

Perfekt aussehen, arbeiten, essen, trinken, organisieren, staubsaugen, Haare pflegen.

Je länger ich scrolle, desto mehr von diesen Bildern und Beiträgen sehe ich. Tausende Leute, die mir erzählen, was bei mir alles schiefläuft und was ich dagegen unternehmen kann. Die Lösung ist meistens ganz einfach: Kauf mein Produkt.


Im Internet ist es eben auch leicht. Bild machen, Filter draufklatschen, netten Text schreiben, fertig.

Das perfekte Leben perfekt inszeniert.

Und damit das ganze authentisch wirkt, wird hier und da von schlechten Tagen geredet. Jeder hat mal einen Durchhänger, jedem geht es mal schlecht. Und dann kaufe, mache, trinke ich einfach XY und es geht schon wieder. Du musst etwas dafür tun, damit es läuft.

Aber funktioniert das Leben so? Kann ich an schlechten Tagen einfach ein Produkt konsumieren oder eine bestimmte Aktivität machen und schon ist alles bestens?!


Ich habe das Gefühl, suggeriert zu bekommen, es sei nicht in Ordnung, wenn etwas über einen längeren Zeitraum nicht gut läuft. Schlechte Tage na gut, aber schlechte Monate? Wo gibt's denn sowas?!

Ist dies realistisch betrachtet nicht aber das Leben? Es gibt gute Phasen und schlechte Phasen. Phasen, in denen alles leicht von der Hand geht und einfach funktioniert, in denen die Laune besser nicht sein könnte. Perfekt sozusagen. Und dann gibt es Phasen, in denen die Motivation und Freude fehlt, in denen alles höchst schwerfällig geht und die Laune einfach im Keller bleibt. Es gibt Herausforderungen, an denen man manchmal sehr lange zu kämpfen hat. Man kann (oder vielmehr muss) nicht jede Phase weg meditieren, nicht immer und sofort jede Herausforderung als Push aus der Komfortzone und Bereicherung fürs Leben betrachten. Man muss nicht was auch immer dagegen tun, damit alles sofort wieder Heiterkeit und Sonnenschein ist. Manche Phasen dauern ein bisschen und manche auch noch ein bisschen mehr.

Immer sofort etwas dagegen tun zu müssen ist mehr als überflüssig. So pathetisch es auch klingt, so müssen wir doch durch negative Erfahrungen durch, um die positiven erkennen und genießen zu können.


Beim Scrollen durch meine Social Media Feeds merke ich sekündlich, wie meine Laune sinkt. Da gibt es so viel, was ich noch machen sollte. Dieses Buch lesen, diesen Kurs besuchen, diese Reise machen. So viele Tipps, die ich in meinen Alltag integrieren sollte, damit es endlich läuft, endlich perfekt wird. Denn bei mir läuft es scheinbar einfach nicht gut (genug) wenn ich mir das perfekte Leben der anderen anschaue.

Schlussendlich habe ich eine Wiederentdeckung gemacht, die so banal ist, dass ich nicht kapiere, warum ich so lange dafür brauchte.

Ich muss mir all das nicht angucken. Und wenn ich es mir dann nicht mehr angucke, geht es mir auch schlagartig besser.

Komisch, dass niemand von den perfekten Internet-Gurus mir diesen Tipp gegeben hat. Wobei…



Ich ziehe mir nun also keine Tipps mehr rein, um perfekt auszusehen, zu arbeiten, zu essen, zu trinken, zu organisieren, zu staubsaugen und die Haare zu pflegen.

Und plötzlich stört mich der Anflug von Chaos in meinem unperfekten Leben kaum noch.

Vielleicht bin ich nur halb so erfolgreich, produktiv, intellektuell, schlank, gesund und wach, wie ich sein könnte, doch während sich die Töpfe in der Küche stapeln, lese ich ganz gemütlich im trüben Novembergrau Harry Potter und das ist schön.