Online Ausmisten - von digitalen Dämonen und Karteileichen



Dass Ausmisten und Minimalismus spätestens seit Marie Kondo der letzte Schrei sind, muss ich wohl niemanden mehr erklären. Ich persönlich miste immer mal wieder ganz gerne aus - einfach, weil das Gefühl danach so befreiend ist und (seien wir mal ehrlich) ich den meisten Krempel eh nicht brauche. Mittlerweile ist die Menschheit im 21. Jahrhundert angekommen (big News!) und die Digitalisierung ist zum Alltag geworden. Und weil das so ist, stopfe ich fröhlich Festplatten, Cloud und E-Mail-Postfächer mit virtuellem Müll voll. Es sollte also an dieser Stelle niemanden mehr wundern, dass Ausmisten und Minimalismus ebenso in der digitalen Welt Einzug gehalten haben. Dementsprechend fing ich vor kurzem an, besagte Festplatten, Cloud und E-Mail-Postfächer auszumisten - hach, wie befreiend! Doch irgendwo in meinem Hinterkopf gab es eine Sache, die ich so weit wie möglich von mir weg schob. Quasi mit dem Internet aufgewachsen, habe nun seit ca. zehn Jahren eine Spur aus Benutzerkonten, Online-Profilen und Accounts in selbigem hinterlassen. Diese Spur kann ich schon längst nicht mehr komplett zurückverfolgen. Vielleicht kannst du das nachvollziehen. Bei nahezu jeder Website, die etwas anbietet, muss man sich anmelden und das geht auch noch so schnell: Eben nur die E-Mail-Adresse und Passwort eingeben - zack bist du drin (und hast eine Art Ehevertrag fürs Leben abgeschlossen, ohne es zu merken - dazu aber später mehr). Und weil das so wahnsinnig einfach geht, habe ich das gefühlte 1000 Mal gemacht. Die ganze Thematik hat bei mir etwas unübersichtliche Züge angenommen, sodass es mich wundert, noch alle Passwörter für meine vier (?!?!?!?) E-Mail-Adressen zusammenzubekommen. Und dass ich alle vier Adressen für die 1000 verschiedenen Benutzerkonten, Online-Profile und Accounts genutzt habe, macht es nicht unbedingt leichter. Das Gefühl, nicht zu wissen, wo die eigenen Daten überall herumfliegen ist darüber hinaus mehr als bloß etwas beunruhigend. Ob es nun beunruhigend ist, weil das Ausmaß der Zerstreuung, oder doch die Tragweite eines möglichen Datenmissbrauches unbekannt ist, weiß ich nicht genau. Vermutlich beides. Mir ist jedenfalls aufgrund verschiedener Vorkommnisse (die "Lass dich Überwachen"-Show von Jan Böhmermann könnte eines gewesen sein) klar geworden, dass das immer weiter weg schieben auf lange Sicht keine Option mehr sein kann.

Wie bin ich also vorgegangen im Kampf gegen meine digitalen Dämonen? Und was können wir daraus lernen? 1. Erkenne den Feind Zuallererst setzte ich mich hin und schrieb alle Plattformen auf, die mir in den Sinn kamen. Ich empfand die Seite Cyberpflege.de und die Google Passwörter Einstellung (beides keine bezahlte Werbung!) als hilfreich, um Sherlock-Holmes-mäßig alte, längst vergessene Karteileichen aufzuspüren. Meine Liste umfasste 49 Seiten, Anbieter und Profile (manche sogar doppelt). Ob das erst die Spitze des Eisbergs ist? Vermutlich. Vermutlich muss ich mich dennoch damit zufriedengeben, nicht jedes Profil ausfindig machen zu können. 2. Was brauchst du? Darauf folgend habe ich die Liste in "behalten" und "löschen" aufgeteilt. Was dann kam, kann man sich wohl denken. Kommen wir aber nun zum Ehevertrag fürs Leben, über den ich mich vermutlich nicht einmal aufregen darf. Schließlich habe ich über 49 Mal augenverdrehend und ohne mit der Wimper zu zucken "Ich habe die AGBs gelesen und akzeptiere sie" angeklickt. Ein fataler Fehler? Ich sage es mal so: Wer bei dem Versuch, 20 Online-Profile zu löschen, ruhig bleiben kann, der hat seine innere Mitte gefunden. Dass es einem über 50% aller Portale, Anbieter etc. verdammt schwer bis unmöglich machen, ein Profil zu löschen, empfinde ich als eine bodenlose Frechheit. Vielleicht ist es sinnvoll, vielleicht ist es Methode - ich weiß es nicht - ich weiß nur, dass ich mich furchtbar darüber aufregen könnte. Sicher ergibt es Sinn, dass ich kein Online-Banking-Profil nach Lust und Laune erstellen und wieder löschen kann - aber eine Website um Bilder zu erstellen?! 3. Bring Ordnung rein Nachdem ich mich wieder abgeregt hatte, brachte ich im letzten Schritt Ordnung in das übrig gebliebene Chaos. Für mich bedeutete dies, möglichst alle Profile auf eine E-Mail-Adresse zu bringen und sinnvoll (und natürlich analog) zu notieren - um sie nicht wieder zu vergessen.


Was lernen wir daraus? An dieser Stelle kann ich wohl lediglich für mich sprechen - doch vielleicht stimmst du mit mir überein. Ich empfinde die Online-Welt als rasant unachtsam. Ich melde mich schneller bei Programmen, Portalen, Newslettern, Apps, Netzwerken etc. pp. an, als ich eigentlich gucken kann - geschweige denn auch nur einmal darüber nachgedacht habe. Die Hälfte dieser Dinge habe ich nie wieder genutzt. Sind meine Daten den Aufwand und das mulmige Gefühl Wert? Was passiert mit meinen Daten? Ehrlich gesagt weiß ich das nicht und noch ehrlicher gesagt habe ich auch nicht die Lust, Zeit und Muße, mich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Ich habe meine Lektion gelernt: Überlege dir dreimal, ob du dich dafür anmeldest und schmeiß mit deinen Daten nicht um dich, als wären sie Konfetti! Ich frage mich auch, wie es mit Generationen aussieht, die noch intensiver mit dem Internet aufwachsen. Lernen Kinder den Umgang mit dem Internet und ihren eigenen Daten irgendwo? Wer hat die Verantwortung dafür? ... Was bleibt ist also das Gefühl, zwar ein bisschen erleichterter zu sein, gleichzeitig aber vor einem großen Berg von Fragen, die mulmige Gefühle in mir auslösen, zu stehen.