Proaktivität - Kontrolle im Leben


Neulich ist mir etwas Blödes passiert: Mein Auto hatte eine Panne (oder anders gesagt: Ich habe nicht aufgepasst und die Fußmatte verfing sich so arg in den Pedalen, dass ich sie dort alleine nicht wieder herausbekam) und so konnte ich nicht weiterfahren.

Dieses Missgeschick war nicht weiter tragisch, bedeutete aber einen halben Tag warten und hoffen, dass mein Auto nicht abgeschleppt und die blöde Fußmatte sich irgendwie wieder befreien lassen würde.

In dieser Situation hatte ich zwei Möglichkeiten zu reagieren:


  1. Ich könnte mich den ganzen Tag ärgern - darüber dass mir so etwas Blödes passiert war, dass ich nicht aufgepasst hatte und einen Strafzettel oder gar abgeschleppt zu werden riskierte. Ich hätte mich über mich selbst, die blöde Fußmatte, die ja eh schon völlig ausgedient hatte und überhaupt dieses Auto, den Verkehr, den Morgen und das Wetter (das ausgesprochen schön war, das ich so nun aber nicht mehr genießen konnte!) ärgern können.

  2. Ich könnte es hinnehmen und akzeptieren, dass mir so etwas Blödes passiert war. Über meine Schusseligkeit schmunzeln und dankbar und froh sein, dass mir dieses Missgeschick beim Einparken und nicht mitten auf der Autobahn passiert war. Und immerhin war das Wetter ausgesprochen schön, sodass es überhaupt eigentlich ganz gut war, nach hause zu laufen.


Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit und würde mal behaupten, ziemlich viele Menschen hätten die erste Möglichkeit gewählt. Womit ich mich nicht besser da stehen lassen möchte, sondern lediglich sagen will, dass wir eine Gesellschaft sind, die ziemlich viel meckert, motzt, nörgelt und nölt.


Das miese Wetter, der fiese Nachbar und die niemals endende Lebenskrise

Irgendetwas ist immer und das tun wir ziemlich oft und ziemlich gerne kund. Das Wetter ist eklig, grau und trüb und deshalb fühle ich mich unmotiviert, launisch und deprimiert (dabei erwische ich mich persönlich immer mal wieder). Der Nachbar staubsaugt morgens um 7 Uhr oder wahlweise mäht er auch gerne und lange den Rasen, deshalb kann ich ja nur mit dem falschen Fuß aufstehen und den ganzen Tag passiv aggressiv durch die Gegend rennen. Auf der Arbeit werde ich unfreundlich von der ungeliebten Kollegin oder einem miesepetrigem Kunden angeschnautz - sch*** Tag!

Das sind so die kleinen Dinge des Alltags, die uns regelmäßig die gute Laune verderben und den Weg zur Gelassenheit und Zufriedenheit verbauen - wo wir ja eigentlich alle hin wollen.

Es gibt aber noch weitaus drastischere Beispiele. Wenn ich an einer Situation aus der Vergangenheit festhalte und mir damit in der Gegenwart Glück und Erfüllung verwehre. Z.B.: Weil Person XY mich vor 12 Jahren betrogen hat und dann einfach abgehauen ist, geht es mir heute so schlecht und ich werde nie wieder eine erfüllte Beziehung führen können! Daran ist nur XY schuld, ich kann weder etwas dafür noch etwas dagegen machen!


Wenn man einmal ganz aufmerksam und ehrlich sein Umfeld und sich selbst beobachtet, wird man auf einige Ansichten dieser Art stoßen. Und alle haben eines gemeinsam: Sie entscheiden darüber, wie wir unser Leben leben!

Der Punkt ist nämlich, dass unser Leben etwas mit uns selbst zu tun hat (Überraschung!). Wie "gut" unser Leben verläuft, hat weniger damit zu tun, was das Wetter, der Nachbar oder unser Partner dazu beiträgt, sondern damit, was wir aus diesen Beiträgen machen. Wir haben immer die Wahl, wie wir auf Ereignisse in unserem Leben reagieren. In seinem Buch "Die 7 Wege zur Effektivität" nennt Stephen R. Covey diese Reaktionsmöglichkeiten reaktiv und pro-aktiv.

Reaktive Menschen lassen sich und ihr Leben von den äußeren Einflüssen lenken und geben ihre Kontrolle ab.

Pro-aktive Menschen wissen zwar, dass sie die äußeren Einflüsse nicht ändern können, dafür aber die Reaktion auf diese Einflüsse in ihrer Macht liegt. Sie entscheiden bewusst über ihre Reaktion und übernehmen die Kontrolle in ihrem Leben.



Der Kreis der Sorge und Kreis der Macht

Um dies zu veranschaulichen greift Covey zu einem Bild: Stelle dir zwei Kreise vor, außen liegt ein großer Kreis, in dem ein kleinerer Kreis liegt.

Der große Kreis - der Kreis der Sorge - steht für die äußeren Einflüsse, für Sorgen, Ängste und alles, was nicht in deiner Macht liegt (er schließt all die kleinen Dinge, wie das Wetter und den nervigen Nachbar, aber auch alle großen Dinge, wie die Stromrechnung, die furchtbare Trennung und die Angst vorm Coronavirus mit ein).

Der kleine Kreis ist der Kreis der Macht. Er beinhaltet alles, was du aktiv beeinflussen kannst (vom Regenschirm, den du mitnimmst, bis hin zu dem Entschluss, nicht mehr jeden Tag "Coronavirus" in die Suchmaschine einzutippen und mit dem Resultat "Wir werden alle sterben" noch angsterfüllter durch den Tag zu gehen).

Covey zufolge konzentrieren sich reaktive Menschen auf den äußeren Kreis, welcher ihnen die Kontrolle und die Macht über ihr Leben nimmt, wohingegen sich pro-aktive Menschen auf den Kreis der Macht fokussieren, der mit der Zeit immer größer wird und dem Kreis der Sorge so immer mehr Raum abringt.


Pro-aktiv werden

Wenn man viele Jahre reaktiv reagiert hat und sich die meiste Zeit auf den äußeren Kreis fokussiert hat, ist es nicht leicht, mal eben von reaktiv zu pro-aktiv zu hüpfen. Hier also ein paar Ideen, die dir helfen können, dein Mindset zu ändern.

  • Ändere deinen Fokus. Suche in jeder Situation, jedem Ereignis etwas positives. Das kannst du z.B. mit einem Dankbarkeits- oder Achtsamkeitstagebuch machen. Schreibe dir täglich auf, wofür du dankbar bist, was dir heute schönes passiert ist und ob etwas positives im negativem lag. Das braucht Übung, aber die zahlt sich aus!

  • Ändere deinen Konsum. Das, was wir jeden Tag lesen, hören und sehen, beeinflusst uns mehr, als uns oft bewusst ist. Es macht einen großen Unterschied, ob du täglich dir Bad-News, Gewalt und Dramen anschaust und Musik hörst, die dich runter zieht, oder ob du dir ausgewählte News und Feel-Good-Serien anschaust und deine Gute-Laune-Playlist hoch und runter hörst!

  • Suche Distanz. Es gibt Menschen, die mögen es zu meckern, motzen, nörgeln und nölen. Manchen kannst du vielleicht die Freundschaft kündigen, die Kollegen im Büro lassen sich nicht so leicht in die Wüste schicken. Versuche dich so gut es geht davon zu distanzieren und ziehe nicht mit. Suche dir stattdessen Menschen, die pro-aktiv sind - mit einem positivem Mindset und etwas Geduld wirst du diese Menschen früher oder später sowieso in dein Leben ziehen.

  • Suche Unterstützung. Wenn es dir extrem schwer fällt, aus dem Kreis der Sorge auszubrechen, dann ist es absolut legitim, sich Hilfe zu suchen. Das kann in Form einer Therapie oder eines Coachings sein, vielleicht bedeutet es auch erst einmal, offen und ehrlich mit jemanden aus dem eigenen Umfeld darüber zu sprechen.



Was können wir daraus lernen?

Manche Dinge kann man nicht ändern - Shit happens! Doch wir haben immer wieder die Wahl, was wir daraus machen. Wir entscheiden, ob wir unser Leben lenken lassen und anderen die Macht über unsere Zufriedenheit überlassen, oder ob wir die Kontrolle über das, was wir beeinflussen können, übernehmen und uns für mehr Zufriedenheit, Glück und Gelassenheit entscheiden.

Das bedeutet nicht, dass man sich jeden Shit schönreden soll, sondern im Rahmen der eigenen Möglichkeiten das Beste draus zu machen.


Und by the way: Die Fußmatte nicht zu weit nach hinten rutschen lassen..